Tatiana Kisseleff



Tatiana Kisseleff wurde als erste Eurythmistin zu Ostern 1914 von Rudolf Steiner nach Dornach gerufen, um am Goetheanum eurythmische Arbeit aufzubauen. Sie hatte bis 1927 die gesamte Verantwortung für alles Eurythmische dort. Sie war die erste Leiterein der Dornacher Eurythmiebühne und gründete die erste Eurythmieausbildung. Den Zuschauern ist sie als eine ganz besondere Künstlerin in Erinnerung geblieben.

Geboren wurde sie am 3/15 März 1881 in Warschau, das damals dem russischen Reich eingegliedert war, als dritte Tochter des in Warschau stationierten russischen Obersten Povalischin. Ihr folgte noch ein Bruder, dem sie sich innig verbunden fühlte. Nach dem frühen Tod des Vaters zog die Mutter mit den Kindern nach St. Petersburg. In einem Institut für Töchter russischer Offiziere erhielt Tatiana eine umfangreiche Bildung, auch in französischer und deutscher Sprache und Kultur. Sie schloss mit einem glänzenden Examen und einem Lehrerdiplom ab. Danach absolvierte sie noch eine Ausbildung als technische Zeichnerin, um ihrem Bruder beim Ingenieurstudium zu helfen.

Von Kindheit an hatte sie hinter der Sinneswelt den Geheimnissen einer Märchen- und Fantasiewelt nachgespürt und mit ihren Erzählungen andere beglückt. Ihre musikalische Begabung erweckte in ihr den Wunsch, tanzend und sich rhythmisch bewegend Ausdrucksmöglichkeiten zu finden. Ihr Weg führte sie 1904 aber zunächst nach Lausanne, Paris und Italien zu einem Studium der Rechte, Sozialwissenschaften und Sozialtherapie. Nach künstlerischer Arbeitstherapie mit Geisteskranken und Kriminellen kehrte sie 1908 enttäuscht und erschöpft mit einem Diplom als „licenciée en droit“ nach Russland zurück, aber ohne die vom Westen erhofften sozialen Erneuerungsgedanken. Auch bei einer kurzen Begegnung mit Theosophen in Moskau fand sie solche nicht. Weil sie nicht in politischen Umstürzen, sondern im innersten menschlichen Ansatz nach Erneuerung suchte, plante sie, Theater- und Musikaufführungen unter die einfache Bevölkerung zu bringen.

Im Jahre 1909 heiratete sie den Kunstmaler Nikolai Kisseleff. Mit ihm und anderen Gleichgesinnten landete sie unschuldig im zaristischen Gefängnis. Aus Krankheitsgründen schnell entlassen, wurde sie danach von Ärzten, die keinen anderen Rat wussten, 1911 zu einer Liegekur in die Schweizer Berge geschickt. Dort erhielt sie ein Buch über Reinkarnation und Karma und eine Einladung zum Theosophischen Kongress nach Paris. Schon hatte sie geglaubt, das lang Gesuchte gefunden zu haben. Als sie dann aber erlebte, wie in Paris der „Stern des Ostens“ eingeführt wurde, wendete sie sich enttäuscht ab, um kurz darauf, Weihnachten 1911, in Hannover der Anthroposophie und Rudolf Steiner zu begegnen. Wenige Tage zuvor hatte Rudolf Steiner einen jungen Menschen auf eine neu entstehen wollende Bewegungskunst hingewiesen. In ?Marie von Sivers traf sie eine vertraute Seele. Rudolf Steiner bat sie sogleich zu einem persönlichen Gespräch. In diesem Gespräch, Anfang Januar 1912 in München, teilte er ihr mit, dass es ihre Aufgabe sei, die Anthroposophie den russischen Menschen zu übermitteln. Anfangs bestürzt, ahnte Tatiana Kisseleff aber, dass es dies war, was sie gesucht hatte. Als sie sich erkundigte, wie sie sich zugleich mit der Geisteswissenschaft näher vertraut machen und innerhalb der Bewegung tätig werden könnte, wies Steiner sie als Zweite auf die Bewegungskunst hin und nahm sie als seine persönliche Schülerin auf.

Nach kurzer Einführung in die Eurythmie während der Münchner Festspiele 1912 und 1913, als diese Kunst erstmals auf der Bühne gezeigt wurde, danach bei Lory Smits (?Lory Maier-Smits) in Düsseldorf, schickte Marie Steiner sie nach Berlin, um die Anthroposophen in Eurythmie zu unterrichten. Bald wurde sie aber nach Dornach berufen.

Da begann sie sogleich Erwachsene und Kinder zu unterrichten und erhielt selbst noch wochenlang fast täglich Unterricht von Rudolf Steiner, zu dem sich bald auch Marie Steiner gesellte. Sie erhielt noch einmal eine gründliche Ein- und Weiterführung in Eurythmie, erlebte Hilfen und Korrekturen.

Mit der aus der Kindheit mitgebrachten Begabung, seelisch Empfundenes in Märchengestalten zu bringen, der gründlichen Ausbildung ihrer intellektuellen Fähigkeiten, ihrem geistigen Feuer und einer erworbenen Ruhe und Gelassenheit konnte sie ihre Schüler schnell zu schönen eurythmischen Bewegungen bringen. Als Marie Steiner dies wahrnahm, ergriff sie die Möglichkeit, weiter an dem Erreichten zu bilden und die jungen Künstler zu Aufführungen auf die Bühne zu holen.

Neben der befähigten Regisseurin Marie Steiner erwuchs in Tatiana Kisseleff eine einmalige Interpretin. Ob sie Spirituelles, Dramatisches oder Humoristisches auf die Bühne brachte, immer erstaunte und erfreute sie die Zuschauenden. Neben wertvollen poetischen, musikalischen Darbietungen und köstlichen Humoresken ging man dazu über, Teile aus Goethes „Faust“ aufzuführen.

Die erste öffentliche Aufführung war unter Tatiana Kisseleffs Leitung im Februar 1919 in Zürich erfolgt. Danach ging die junge Eurythmiegruppe zu vielen auswärtigen Gastspielen auf Reisen in Europa. Bei diesen Schritten in die Öffentlichkeit mussten die Künstler neben Anerkennung, Begeisterung und Dank auch viele Anfechtungen, Hass und Widerwärtigkeiten hinnehmen.

Außer der Bühnenarbeit, für die sie alle vorbereitenden Proben zu leiten hatte, bildete sie weiter Schüler aus. Ostern 1924 eröffnete sie auf Anregung Rudolf Steiners die erste Eurythmieschule in Dornach.

Ihr eurythmisches Bemühen zeichnete sich dadurch aus, alles von Rudolf Steiner Erhaltene gewissenhaft aufzunehmen, gründlich und individuell zu verarbeiten, um sich dann selbstlos hingegeben in das Darzustellende einzuleben, es von innen heraus gestalten zu können. Rudolf Steiner hatte sie als „Künstlerin“ bezeichnet, die der Eurythmie den geistigen, sakralen Hintergrund geben und erhalten könnte und diese somit vor Seelenlosigkeit und Veräußerlichung bewahrte.

Im Jahre 1927 aber musste sie ihre Dornacher Aufgabe verlassen, weil unter ihren ehemaligen Schülerinnen – dann Kolleginnen – Bestrebungen aufkamen, die Eurythmie anders handhaben, einer geänderten Zeit neu anpassen zu wollen.

Tatiana Kisseleff versuchte, ihrem Auftrag gemäß, der durch die russische Revolution unausführbar wurde, wenigstens den russischen Emigranten in Paris Anthroposophie und Eurythmie zu bringen – sie gründete dort wieder eine Eurythmieschule.

Unverständnis für ihre Art und egoistische Bestrebungen machten ihr auch dort das Leben schwer, sodass Marie Steiner sie 1938 nach Dornach zurückrief.

Dort arbeitete sie nun mit Schauspielern und half Marie Steiner bei den Inszenierungen von Goethes „Faust“ und anderen Dramen. Auch schrieb sie auf Bitten von Marie Steiner ihre Erinnerungen an die Eurythmiearbeit mit Rudolf Steiner nieder.

Im Jahre 1949 wurde sie zu einer sozialwissenschaftlichen Tagung nach Malsch gerufen. Seit dieser Zeit arbeitete sie bis zu ihrem Tod dort neben dem kleinen Modellbau mit Kindern, Laien und Eurythmisten. Zu den Jahresfesten veranstaltete sie eine Fülle eurythmischer Aufführungen, bei denen sie stets bemüht war, diese, wie einst in Dornach, auf ein hohes künstlerisches Niveau zu bringen, auch wenn sie immer wieder betonte, dass die Eurythmie noch ganz am Anfang wäre.

Konsequent hielt sie sich – auch in dieser letzten und längsten Zeit ihres eurythmischen Wirkens – streng an die Angaben Rudolf Steiners, um sie immer besser und tiefer zu verstehen.

Brigitte Schreckenbach bearbeitet Dietmar Ziegler



Werke:

Eurythmie.Erinnerungen aus den Jahren 1912–1927, Malsch 1949; Aus der Eurythmie-Arbeit, Basel 1965

Zur Entstehungsgeschichte der Standardformen und über das Rezitieren zur Eurythmie, in: GA 277a, Dornach 1965

Eurythmie-Arbeit mit Rudolf Steiner, Basel 1982; mit anderen: Marie Steiner-von Sivers im Zeugnis, Basel 1984; Übersetzung ins Englische erschienen; Beiträge in Bef, BfA, G, MaB, N.

Literatur:

Groddeck, W.: Aus dem Wirken von Tatiana Kisseleff, in: MaB 1960, Nr. 24

Vengust, N.: Zum 80. Geburtstag von Tatiana Kisseleff, in: BfA 1961, Nr. 4

Autobiografisch: Einige Erinnerungen an die ersten Dornacher Faust-Aufführungen 1915–1918, in:

BGA 1963, Nr. 10

Dubach, A.: Tatiana Kisseleff, in: N 1970, Nr. 36

Leinhas, F.: Unsere große Schwester, Schachenmann, C.: Tatiana Kisseleff, in: MaB 1970 Nr. 48

Zaiser, G.: Aus den Anfängen der eurythmischen Betätigung, Vengust, N.: Eurythmische Gedenkfeier für Tatiana Kisseleff in Malsch, in: MaB 1971, Nr. 49

Groddeck 1980; Bollig, H.: Tatiana Kisseleff, in: MaD 1971, Nr. 95

Schubert, I.: Selbsterlebtes im Zusammensein, Basel 1977

Köchlin, B.: Tatiana Kisseleff, wie ich sie vom Frühjahr 1967 bis zum Sommer 1970 erlebte, in: RRM 1979, Nr. 3

Froböse, E.: Vorbemerkungen, Deventer, E. v.: Erinnerungen, in: BGA 1982, Nr. 75/76

Lindenberg, Chronik 1988; Schachenmann, C.: Aus den Anfängen der Eurythmie, Tatiana Kisseleff – Leiterin der ersten Eurythmie-Bühne, in: Bü 1989, Nr. 1

Christensen, T.: Russlands lengsel efter spiritualitet, in: L 1990, Nr. 2/3.



Tatiana Kisseleff
Ein Leben für die Eurythmie
Autobiographisches ergänzt von Brigitte Schreckenbach
Verlag Ch. Möllmann


Tatiana Kisseleff
Eurythmie-Arbeit mit Rudolf Steiner
Futurum Verlag


Marie Steiner
Lebensspuren einer Indiviualität
Wilfried Hammacher
Verlag Freies Geistesleben